Zugrückfahrt

vor einem Café am Osloer Bahnhof

Wer die Idee zu dieser geradezu selbstquälerischen Aktion hatte, wußte am Ende niemand mehr so recht, wahrscheinlich ist sie irgend jemanden in der nervtötenden Nacht vor unserer Rückfahrt auf dem Göteborger Bahnhof eingefallen, jedenfalls nahmen sich Chrico, Martin, Yves, wobei der sich von Zeit zu Zeit von seinem Bruder Marcel auswechseln ließ und ich uns vor, unser bis vor ein Paar Stunden noch so beliebtes Fahrten-Kartenspiel, mit dem viel aussagendem Namen ,,Arschloch“, mal in einer völlig neuen Variation zu spielen: man hatte von nun an die Chance, nach mehrmaligem nacheinander Gewinnen in einer Rangliste auf bzw. abzusteigen. Klingt erst einmal ganz spannend, was es auch war, doch jetzt kommt das Masochistische bei der ganzen Sache. Wir gelobten feierlich dieses Spiel von Anfang bis zum Ende unserer Fahrt, von Göteborg nach Göttingen. 750km Zugfahrt. 16 Stunden Reisezeit durch zu spielen. Keiner von uns zeigte in diesem Stadium der Anfangseuphorie realistische Gedankengänge und brachte Einwände wie z.B. ,,Na ja, laß uns vielleicht nur solange spielen wie es uns auch wirklich Spaß macht". Auch wurden wohlwollende und fürsorgliche Ratschläge einiger Nichtteilnehmer wie ,,Seid ihr sicher, daß das nicht irgendwann langweilig wird?“ einfach ignoriert. Über die Gründe für dieses irrationale Verhalten läßt sich im Nachhinein viel spekulieren. War es einfach Langeweile oder die Suche nach dem totalen Kick auf einer Zugfahrt, das Herantasten an die physische und psychische Belastbarkeit des Menschen? Wie dem auch sei, voller Eifer und Ambitionen begannen wir zu spielen. Die ersten Stunden waren auch äußerst dramatisch, so konnte Chrico sich schon nach ein paar Runden eine feste Position an da Spitze sichern, so gut wie unerreichbar wie es dem Rest schien. Doch dauerte es nicht lange und er wurde zuerst von der Kellner - Fraktion und anschließend von mir abgelöst. Wenig später wiederum, gelang Martin die große Überraschung, indem er als sensationeller Überflieger in enorm kurzer Zeit den Sprung vom chronischen Träger der ,,Roten Laterne" zum lange Zeit aussichtsreichstem Kandidaten für den Endsieg schaffte. Das ging dann so weiter, bis wir Helsingborg erreichten und mit der Fähre nach Dänemark übersetzten. Die Zeit auf dem Schiff nutzten wir zum an die frische Luft gehen und einkaufen. Gestärkt mit den unglaublichsten Eßwaren, die der Schiffsladen zu bieten hatte machten wir uns ans weiter spielen heran. Im Wesentlichen wiederholten sich die einzelnen Vorgänge und es gelang eigentlich niemandem wirklich erwähnenswert an die beiden oberen Positionen heranzukommen. was aber erstaunlicher Weise niemandem auffiel. Und auch dann nicht auffiel als wir schon lange in Hamburg angekommen waren und uns auch während der Wartezeit auf dem Bahnhof diesem mysteriösem Spiel hingaben. Doch mit der Weiterfahrt nach Göttingen in einem Bummelzug wurde uns allmählich klar, den anderen war es wahrscheinlich schon lange aufgefallen, das sich im Laufe der letzten Stunden etwas in unserer Verhaltensweise geändert hatte und zwar in eine Richtung, die sich unaufhaltsam auf ein Kleinkindstadium hin bewegte. So gelang es dem ein oder anderen nicht mehr, Sätze von sich zu geben, die auch nur ansatzweise einen Sinn ergaben oder andere wieder herum fingen aus heiterem Himmel an zu lachen, ohne das sie selbst oder das die anderen wußten weshalb und hörten erst wieder auf. als sie schon lange am Weinen und kurz vor der Ohnmacht waren. Ungefähr ab Hannover so vermute ich, spukte in allen Köpfen der gleiche Gedanke: Kann mir irgend jemand eine vernünftige Antwort darauf gehen, warum wir dieses gottverdammte Spiel überhaupt noch spielen?"

Unterschwellig wurde diese Frage auch von dem ein oder anderen immer mal wieder in den Raum gestellt, doch aufgrund unseres Gelöbnisses nie ganz ernsthaft angegangen; Ca. 20 Minuten vor unserer Ankunft in Göttingen war es dann soweit. Wir bekamen die Einsicht, daß wir das Spiel auch ebensogut noch drei weitere Jahre spielen könnten, ohne das einer gewinnt und das wir jetzt einfach mal ganz egoistisch an uns selbst denken sollten um dieses Spiel endlich abzubrechen. Der Abbruch selbst war keine aufwendige Sache mehr. Binnen kürzester Zeit war alles vorbei. Aus, Schluß und fertig. Der Selbstversuch war gescheitert wir haben total versagt, was aber glücklicherweise niemanden störte, denn immerhin waren wir um eine wertvolle Erfahrung reicher geworden.

Natürlich würde ich jedem Recht geben, der behauptet, dass einem das auch schon vorher hätte klar sein können, ja eigentlich hätte klar sein müssen. Aber wie schön, wie spannend und abwechslungsreich, wie interessant und einzigartig, kurz wie lebenswert das Leben ohne ,,Arschloch" spielen ist, das weiß man erst wenn man dieses Spiel fast zwölf Stunden am Stück gespielt hat.

 

Moritz K.