Nordspanien '97

Wir hatten eine längere Mittagspause in der Nähe der Bergerie eingelegt. Wir befanden uns immer noch innerhalb der nassen Wolkendecke, die uns von der ersehnten Sonne Spaniens trennte. Nach ausgiebigem Mahl legten wir erst einmal eine Dösrunde ein, die Tobi zum Schlaftanken nutzte, denn die Nächte waren auch nicht immer bequem und somit auch nicht immer erfrischend! Elmar, Malte, Moritz und ich zockten mal wieder Skat, dem Dauerbrenner unter den Kartenspielen. Marten nahm sich ein Beispiel an dem in eine andere Welt abgetauchten Tobi.

Vor ein paar Tagen hatten wir endlich die Nationalparkgrenze erreicht, an der allerdings noch viele spanische Touristen herumtippelten. Niemand außer uns schien sich um die Wegabsperrungen zu kümmern, die die arg leidenden Wiesen vor weiterer Erosion schützen sollten.

Bald sollten wir endlich von der Touristenhektik befreit allein auf Spaniens urigen Wegen sein. Doch der in der Karte eingezeichnete Weg schien doch etwas willkürlich zu sein.. Teils war er gar nicht vorhanden oder kaum begehbar. Wir stiefelten an einem kleinen Bach entlang, an dem wir auf einer kleinen Grünfläche, die sich an den rauhen Felsen anschmiegte, die Kohte aufbauten. Da gerade die Sonne schien und es so noch warm war, beschlossen wir einen Badegang in dem Bach, der im Laufe der Zeit kleine Becken aus dem Feld gewaschen hatte. Reichlich erfrischt, aber noch nicht ganz klar über unsere genaue geographische Lage, gingen wir bald schlafen.

Auch am nächsten Morgen dauerte die Ungewissheit noch an. Zuerst wanderten wir weiter den Fluss entlang, bis es nicht mehr weiter ging. Hier musste eine Abzweigung sein! Nun glaubten alle, irgendwo eine Weggabelung zu sehen, an der wir uns hätten orientieren können. Nach einiger Zeit entschlossen wir uns nach dem Kompass zu laufen, bis der Weg zu sehen sei. Dies bedeutete aus dem Tal querfeldein die Bergkette zu erklimmen, deren Höhe wir dank des wieder einsetzenden Nebels nicht einschätzen konnten. Bald merkten wir: Der Berg war hoch und vor allem steil! Erschöpft machten wir oben Pause, um dann gestärkt von Schokolade und Muvies den Wanderweg in Überbreite anzutreffen. Der Weg war breit genug, dass zum Teil fünf Pfadfinder nebeneinander gehen konnten! Es stellte sich heraus, dass wir ganz am Anfang auf einen Kuhtrampelpfad abgebogen waren, statt dem richtigen Weg zu folgen. Das lag aber nicht an der Inkompetenz der Kartenleser, sondern an der schlichtweg falschen Karte!

Die Strecke zur Bergerie war nun schnell zurückgelegt, und da machten wir dann die oben erwähnte schöne, lange Pause in der Wolkendecke.

Nach einiger Zeit machten wir uns wieder auf, um bald schwach die Wärme der Sonne zu spüren. Wir gingen alle recht schnell den nun gut erkennbaren Weg entlang, der uns aber auch schnell aus der Puste brachte, weil er auch schnell anstieg. Es wurde immer heller und heller und mit einem Mal traten wir aus dem feuchten Nebelmeer. Es kam uns vor, als hätte man nach einem langen Tauchgang in der Finsternis des Meeres wieder ganz plötzlich die Oberfläche erreicht! Wir konnten einzelne Bergspitzen erkennen, die gerade noch aus dem Wolkenmeer herausragten und im gleißenden Licht der Sonne glitzerten.

Wir blieben erst einmal auf dem Bergrücken, der mit viel Gras bewachsen war. Vor uns lag ein Bergkessel, an dessen Hängen Kühe grasten.

Die Sonne brannte, es war früher Nachmittag, so dass wir uns zum Schutz vor Sonnenbrand alle eincremten. Währenddessen ein erneuter Versuch, die Karte richtig zu interpretieren. Vor allem die Frage, wo hier an diesem zerklüfteten Felsen ein Platz für die Kohte war! Wir untersuchten, ob es in der Höhle, die sich direkt unter uns in den Berg grub, Wasser gab. Fehlanzeige! Einen Schluck in der Viertelstunde hätte man von den in der Höhle gedeihenden Algen auffangen können. Die Kartenleser gaben ihr neustes Ergebnis bekannt: Im Bergkessel gebe es eine Quelle! (Natürlich war diese nirgends aufzufinden) Der Abstieg in das Tal war sehr steil uns beschwerlich. Ein unvorsichtiger Tritt hätte schmerzlich ein paar Höhenmeter tiefer enden können.

Unten angekommen, sahen wir bald eine mühsam aufgerichtete Steinmauer, die an einen hohen Stein anschloss und wohl einmal Teil einer kleinen Hirtenbehausung gewesen war. Dort legten wir ab und erkundeten die Umgebung. Die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten auf die Steinfelder am anderen Ende des Kessels.

Einige von uns gingen ein Stück Richtung Sonne, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wir saßen dort auf dem glatten Felsrücken, der sich wie eine Halbinsel aus dem Wolkenmeer erhob, das geheimnisvoll im Abendlicht der Sonne schimmerte und die Welt unter sich begrub. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort schweigend saßen, aber als die glühende Sonne endgültig im Meer versank und der Mond schon schien, machten wir uns hungrig auf den Rückweg zum Lagerplatz, wo schon das warme Essen auf uns wartete.

Wir schliefen diese Nacht unter freiem Himmel und waren Zeuge einer kolossalen Sternennacht, in der auch ein paar Sternschnuppen sich ihren Weg über den Himmel bahnten.

Martin