Lappland '95

Stammesmannschaft

Lappland – ein nasses Land? Beim Blick über die schneebedeckten Gipfel, die sich bis zum Horizont vor unsern Augen erstrecken, wünschte sich mancher schon zurück an die Wärme des bollernden Ofens.

Gestern hatten wir in einem Anfall von Größenwahn beschlossen, die verbleibenden Kilometer bis Sulitjelma an der schwedischen Grenze bei Nacht zurückzulegen. Kurz nach Mitternacht hatten wir uns nach einem kleinen Imbiss aufgemacht, den letzten Teil über die Gipfel nach Norwegen zu wagen. Eine unheimliche Stimmung beherrschte das nebelverhangene Land. Die Mitternachtssonne konnte nur noch ein trübes Dämmerlicht verbreiten. Bald hatte der Nebel uns verschluckt. Mal war das Wegzeichen verschwunden, mal der Vordermann. Hinter einer Felskuppe tauchte verschleiert eine Gruppe Rentiere auf, die lautlos wieder in einer Nebelwolke verschwand. Bald musste sie kommen, die „Brücke“, die wir bisher aus den Geschichten des Hüttenbuches der StojaHütte schon besser kannten, als sie sich selber: „…haben nach drei Stunden den Fluss mit von zufällig vorbeikommenden schwedischen Touristen geliehenen Gummistiefeln überquert“, hieß er da. Ein lustiger Schwede wusste von einer Zwangswäsche seines Gepäcks im 2 °C kalten Flusswaser zu berichten. Von einem Bergrücken aus sahen wir die traurigen Reste dieser sagenumwobener Brücke: An einem rostigen Drahtseil hingen einige zerbrochene Holzstiegen in die Fluten. Durch die apokalyptischen Geschichtchen aus dem Hüttenbuch gewarnt, hatten wir uns schon einen Plan zurechtgelegt: Forrest sollte mit seinen Zweitschuhen wagemutig die fast hüfthohen Fluten durchschreiten wie ähnlich einst ein gewisser Moses, und, am anderen Ufer angekommen, besagte Schuhe über die schäumenden Wogen zurückwerfen. Genial einfach, sollte man meinen, nicht wahr? Leider wurde ein menschlicher Faktor, namentlich Christian, nicht mit einberechnet, so dass Martin, der in diesem Akt den selbstlosen Held darstellt, sich wie gesagt, selbstlos in die Fluten stürzte (inklusive Wanderstiefel und langer Hose), um im Fluss tummelnde Turnschuhe zu fischen.

Nach mehr oder weniger erfolgreicher Flussüberquerung machte man sich wieder auf den Weg – der selbstlose Held nur in kurzen Hosen. Über glitschiges Gestein und morastige Wollgrasfelder ging es nun mit großen Schritten Sulitjelma zu. Plötzlich teilte sich der Nebel und gab die Sicht auf ein kleines Häuschen mit Schotterweg frei. Freudig trabten wir über den gut begehbaren Weg und nach einer Kurve sahen wir 1000 Höhenmeter unter uns Sulitjelmar liegen. Nach zwei Stunden mühevollen Abstiegs auf einer schmalen Betonstraße erreichten wir mit der Hälfte der Knorpelmasse in den Knien den verschlafenen Ort. Nach dem Frühstück mit dem Rest der Verpflegung versammelten wir uns vor den Toren des Sparmarktes und harrten auf Einlass.

Martin und Jan